Freitag, 18. April 2014

"Special" Star 1886



Die H. B. Smith Machine Company in Smithville, New Jersey USA produzierte ab dem Jahr 1880 ein ungewöhnliches Hochrad, bei dem das kleine Rad vorne lag. Das sogenannte „Star“ war ein Sicherheits-Hochrad, die neuartige Konstruktion sollte gefährliche Kopfstürze vermeiden, die Hochradfahrern immer wieder passierten, auf den damals schlechten Straßen.



Das Star gab es in verschiedenen Ausführungen, als Rennrad, einfaches Tourenmodell oder ,wie in diesem Fall, als Tourenrad mit besserer Ausstattung. Angetrieben wurde das Star nicht wie das gewöhnliche Hochrad mit Kurbeln sondern über Trethebeln, die ähnlich wie ein Ratschenmechanismus funktionieren. Das praktische daran war dass man beide Beine zugleich oder abwechselnd nach unten drücken konnte, denn das Rad hat einen Freilauf. Auch das Bergauffahren war mit dem Star leichter da man während der Fahrt aufstehen konnte und somit mehr Kraft auf die Hebeln legen konnte - Star Hochräder gewannen dadurch eine große Zahl der amerikanischen Hochradrennen, besonders Bergrennen.

Für Star gab es eine Großzahl an verschiedenen Satteln (Stars sind schon fast "bekannt" dafür dass sie immer wieder mit anderen Satteln auftauchen) und auch eine Menge an Anbauteilen.






Zu Werbezwecken wurde eine Abfahrt über die Stiegen des Kapitol in Washington bildlich festgehalten und als Postkarte vermarktet. Es gab auch einige Musikstücke die extra für Star Hochräder komponiert wurden, ebenfalls zur Bewerbung der Vorzüge dieses Sicherheits-Hochrads. Star Hochräder wurden ca. bis 1890 gebaut, dann fielen auch sie dem Boom der Niederräder zum Opfer.




...

Als ich das Star 2013 in den USA kaufte waren einige Dinge am Rad kaputt bzw. nicht mehr verwendbar:

• gebrochene hintere Felge
• Speichen fehlend, gebrochen und stark angerostet
• Ledergurte porös
• Sattel zerissen
• Rahmen verbogen
• Reifen fehlend








Wichtige Komponenten wie der komplizierte Antrieb oder die Bremse waren aber in gutem Zustand, Lack war nicht mehr viel drauf, dafür war es nicht überstrichen worden. Mit (für mich ungewöhnlich) viel Geduld konnte ich Spezialisten finden die mir bei der Arbeit am Rad halfen, besonders die Doppeldickend-Speichen waren schwer zu kriegen.

Der außergewöhnliche Lillibridge-Sattel besteht aus 2 getrennten Sitzflächen, ist bequem aber schwer zu spannen. Das neue Sattel-Leder fertigte Tim Dawson, der mir schon 2 andere Sattel wunderbar reparierte.




Für die gebrochene Felge wurde eine passgenaue Form rund um den Teil der Bruchstelle gebaut, dann die Speichen und Nieten rund um die kaputte Stelle entfernt (die Felge wurde sehr grob durch zwei Blechplatten mit Nieten zusammengehlaten) und dann verschweisst.


Die Doppeldickend-Speichen kamen von einem Spezialisten aus den USA. Sie wurden genau nach den originalen Mustern gefertigt, und dennoch mussten wir sie nochmals kürzen, nach dem ersten Einbauen. Jede Speiche ist einzeln mit einer kleinen Vierkant-Mutter im Inneren der Nabe befestigt - das macht das Einspeichen zu einer nervenzermürbenden Arbeit... überhaupt wenn man es gleich 2x an einem Tag macht.



Die Gummibereifung (vorne ca 21 mm, hinten 26 mm) haben wir mit einer Flex, ausgestattet mit einer dünnen Eisenscheibe geschnitten. Dadurch bekamen wir eine ziemlich schöne, schräge Schnittfläche, anschließend wurden die Enden mit Loctite Superkleber verbunden.




Nach etwas mehr als einem Jahr Arbeit ist mein Star nun endlich soweit fertig und fahrbereit. Einzig die Ledergurte muss ich vielleicht nochmals wechseln, sie bekamen an der Oberfläche Risse...

Ein Star fährt sich nicht wie ein gewöhnliches Hochrad (Ordinary), beim Treten der beiden Antriebshebel werden andere Muskeln beansprucht als bei einer rotierenden Kurbel-Bewegung. Das Aufsteigen ist etwas mühsam da man ein Bein über das große Rad schwingen und sich relativ weit vorlehnen muss um nicht mit dem ganzen Rad nach hinten zu kippen. Dafür ist das Absteigen umso leichter.

















Sonntag, 2. Februar 2014

Meteor Fahrradwerke Graz

1888 begann der erste Fahrradproduzent der Steiermark, Benedict Albl, in Graz mit der Erzeugung von Bicycles, Bicyclettes und Tricycles. Anfangs noch stark auf den Import, Zusammenbau, Verkauf und Reparatur von meist englischen Rädern konzentriert (Albl war Vertreter von Herbert, Hillman & Cooper in Graz) etablierte er seine eigene Marke "Meteor" ca 1889/90. Seine Fahrräder waren bald über die Grenzen der Monarchie aufgrund ihrer hohen Qualität bekannt.

1894 suchte Albl, vermutlich aus finanziellen Engpässen (er hatte die Meteor Fahrradwerke mehrfach ausgebaut und vergrößert) einen Partner und fand diesen in Carl Franz. Dieser übernahm dann auch sogleich die Meteor Fahrradwerke und führte sie einige Jahre erfolgreich weiter, zahlreiche Anzeigen in lokalen Zeitungen zeugen von reger Produktion und vielen sportlichen Einsätzen. Benedict Albl aber startete mit "Graziosa" neu und spezialisierte sich auf kettenlose Fahrräder.

1904 zog sich Carl Franz aus dem Fahrradgeschäft zurück und verkaufte den Betrieb an den deutschen Konsul Ernest Simson. Dieser betrieb laut Adressbuch eine „Waffenfabrik und Fahrradwerk" in der Babenbergerstraße und stellte „alle Fahrradbestandteile und Artikel der Feinmechanik" selbst her. Um 1920 erzeugten 150 Arbeiter hauptsächlich Volksfahrräder. Simsons Betriebsleiter Gustav Schmidt gründete den Radfahrer-Verein „Meteor", der sich die Förderung des Kunst- und Reigenfahrens, verbunden mit Turnen, auf die Fahnen geschrieben hatte. Dieser hatte allerdings, ebenso wie die Fahrradfabrik und nach einer Umbenennung in RV "Komet", nicht sehr lange Bestand. Wann die Meteor Fahrradwerke entgültig geschlossen wurden ist noch nicht bekannt.

Dieses Meteor Herrenrad, vermutlich aus der Produktion des Konsul Simson, befindet sich in einem weitgehend originalen Zustand und ist entsprechend gut erhalten. Vermutlich wurde es kurz nach den 1. Weltkrieg gebaut, die F&S Hinterrad-Nabe ohne Jahreszahl spricht für ein Baujahr vor 1921, Rahmenform, Kettenteilung und Tretscheibe deuten auf ein Produktionsjahr nach 1918 hin. Am gesamten Fahrrad finden sich keine Stempelungen außer der fünstelligen Rahmennummer, welche von oben nach unten laufend, links am Sattelrohr eingeschlagen ist. Weiteres außergewöhnliches Detail ist der linksseitige Bandfeststeller.

Sattel und Radlaufsirene wurden nachträglich zugefügt.
Danke an Wolfgang Wehap für einige Informationen.